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GQ-KOLUMNISTEN
Dominik Schütte

"Schütte sagt Danke" - Kleines Wort, große Wirkung. Zumindest für den Autor, der hier Helden (und Nicht-So-Helden) Respekt zollt

Vergangenen Samstag passierte etwas Schreckliches. Ich guckte um 15:30 Uhr kein SKY, ließ das Radio aus, nicht mal die Sportschau um 18:30 verfolgte ich. Und das obwohl es für den 1. FC Nürnberg, meinen Verein seit ich denken kann, ums blanke Überleben ging. Irgendwann schaute ich kurz ins Handy. 0:2. Achselzucken, Handy weggesteckt und mit meiner Tochter am Seeufer weiter gespielt.

Für nicht Fußball-Fans: Der Club, so der immer noch schöne Spitzname des FCN, steht auf dem vorletzten Platz der Bundesliga, wird also absteigen, wenn – ja, wenn – er nicht noch einmal gewinnt. 

Wird er nicht, das wusste ich. Die Spieler sind ein Sauhaufen charakterloser Söldner, denen ich wünsche, dass sie den Rest ihrer Karriere auf Tribünen versauern. Das Management macht haarsträubende Fehler, die in der freien Wirtschaft schadensersatzpflichtig wären. Die Fans stellten sogar den Support ein, erfuhr ich später von meinem Bruder, der treu im Stadion war. Sie konnten nicht mehr und haben ihren Verein aufgegeben.

Der Club ist tot, ermordet von Jung-Millionären, denen alles egal ist. 

Aber darf man Schluss machen mit seinem Verein, wie mit einer Bettaffäre? Ist das überhaupt möglich? Nein. Es wird eine lange, dreckige Scheidung, in der nur eine der beiden Parteien leiden wird. Und die Jung-Millionären sind es nicht.

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                  Foto: Die Pinnwand in meinem Büro, natürlich mit Clubschal und einem Zeitungsfoto, auf dem Stuttgarts Torwart Hildebrandt im Pokalfinale 2007 nicht an den Schuss zu Nürnbergs 3:2-Siegtreffer herankommt

Der “Glubb is’ a Debb”, sagt der fränkische Volksmund. Ich habe mich gegen diesen dummen Spruch immer gewehrt. Er ist die perfekte selbsterfüllende Prophezeiung und Paradebeispiel für einen leider typisch fränkischen Pessimismus, den ich nicht ertrage. Wer sich für einen Deppen hält, wird auch einer.

Stattdessen kam von den Fans vor ein paar Monaten der Slogan “Ich bereue diese Liebe nicht” auf. Diese Kampagne finde ich wunderbar, sie ist erfüllt von Melancholie und Leidenschaft und Sturheit, typisch fränkische Eigenschaften, die ich wiederum liebe.

Und ja, ich liebe diesen Scheißverein. Ich bin Club-Fan, seit ich ein kleines Kind war. Ich saß als Bub noch auf den Steinstufen des alten Stadions aus der Nazi-Zeit und jubelte und heulte und schrie. Ich war stolz auf das neue Schmuckkästchen Frankenstadion, in dem 2006 sogar WM-Spiele stattfanden. 2007 schließlich wurde ich für alles belohnt, als Nürnberg sensationell den DFB-Pokal gewann. Doch es war zu schön, um wahr zu sein. Der Club, der es Ende der 60er Jahre geschafft hatte als amtierender Deutscher Meister abzusteigen, schaffte dieses Kunststück 2008 auch als amtierender Pokalsieger. Ich habe persönlich fünf Abstiege erlebt, bin aber immer treu mitgegangen, sogar in die 3. Liga.

Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal schaffe.

Heute wird kein Wunder passieren. Nürnberg wird gegen Schalke nicht gewinnen und folgerichtig absteigen. Das ist kein fränkischer Pessimismus, es ist die Wahrheit. Dieses Mal werde ich das Spiel gucken. Ich will sehen, wie sich die Mannschaft verhält. Ob die Spieler auch nur einen Funken Anstand im Leib haben. Bevor ich mich verabschiede, sage ich jetzt schon: Danke für alles, lieber Club. Aber ich glaube, ich kann nicht mehr.

In this blog post I want to tell you how the @GQ_Deutschland-campaign #Mundpropaganda came into being. Please excuse my English, I’m used to writing in German. But there’s a lot of international interest in the campaign. So what the heck.
This is the Making-Of-Video:

This is the campaign-sticker:

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It all started when Gay-Activists of “ENOUGH is ENOUGH” told us about a dilemma. In short: There are many supporters of campaigns against homophobia. These supporters are mainly gays or lesbians themselves though. So the resistance is limited in itself. Heterosexual people on the other hand usually remain silent. Or they look the other way. Or they don’t care. Or – worst case – they are homophobic. 

That’s when we at GQ Germany had the idea that we might be the right magazine to tear down these walls. At least with men. Our male readership is gay or straight, we don’t care. It’s just not important whether you’re gay or straight if you want to read GQ. Let’s strip this down to the core: It’s not important whether you’re gay or straight. 

Well.

Of course it still is. As long as people are getting killed, tortured and punished for loving people of the same sex. Homophobia is not a problem that will just go away. It’s a growing problem.

So we had the idea to ask heterosexual celebrities to kiss each other. Gentlemen against homophobia!

A simple idea that almost drove us mad: My collegues David Baum, Josip Radovic, Johannes Dudziak, Oliver Fuchs and me. Sometimes we had happy moments: Especially when German rappers Thomas D. and Moses Pelham joined the campaign (imagine NAS and Jay Z kissing). Or when German singer-songwriter-legend Herbert Groenemeyer said: Let’s get it on!

But there were strange moments, too. Many celebrities turned us down, sometimes warning us never to mention their names. Especially soccer-players, politicians and other rappers. Sometimes we thought we would hear an ugly sentence soon: “Did you call me a fag?” But mostly they just hung up the phone with a bang.

In the conclusion of my blog posts I always thank someone. This week that’s the easiest part.

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Thank you Herbert Groenemeyer and actor August Diehl (the picture above), Johannes Strate and Jakob Sinn of the rock band Revolverheld, actors Ken Duken and Kostja Ullmann, rappers Moses Pelham and Thomas D., the three Rappers of Fettes Brot and Beachvolleyball-Champions Johannes Reckermann and Julius Brink.

Thank you, Danke, Merci. 

Dominik Schuette

PS: Meanwhile, it’s Thursday 2:30 pm CET, and more than 15500 people liked the Facebook-page. So the #Mundpropaganda is rolling. GQ-Art-Director Axel Lauer (right side) and me joined the protesters.

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Hier im “Schütte sagt Danke”-Blog war eine Weile Funkstille. Erst viel Arbeit, dann kurz Urlaub, dann wieder viel Arbeit – Sie kennen das. Aber heute sieht man das Ergebnis der Arbeit:

#Mundpropaganda

Hier das Making-Off-Video:

Und der Sticker zur Aktion:

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Ich möchte kurz erzählen, wie die Sache entstanden ist.

Schwule Aktivisten von “ENOUGH is ENOUGH” hatten uns vor ein paar Monaten erzählt – man verzeihe mir die Kurzfassung –, dass es nicht an Unterstützern mangele, wenn es aktiv gegen Homophobie gehen soll. Nur seien diese Unterstützer meistens selbst schwul oder lesbisch. Also bleibt der Widerstand in sich automatisch begrenzt. Heteros bleiben eher stumm. Oder sie drücken sich. Oder es ist Ihnen egal. Oder – schlimmstenfalls – sie sind homophob.

Da dachten wir, GQ ist doch genau das richtige Medium, um die Grenzen einzureißen. Zumindest bei den Jungs. Unsere männliche Leserschaft geht durch alle Schichten, wir haben schwule Leser, die sich für Mode interessieren, heterosexuelle Leser, die Interviews lesen wollen, schwule Leser, denen Mode egal ist, die aber Reportagen lesen wollen und heterosexuelle Leser, die sich für Mode interessieren – aber null für Reportagen.

Sie verstehen, was ich meine.

Es ist also vollkommen egal, ob man schwul ist oder hetero, wenn man GQ lesen will. Es ist uns auch als Redaktion vollkommen egal, ob unser Leser schwul ist oder hetero, und hier steckt der Kernsatz drin: Es ist vollkommen egal, ob man schwul ist oder hetero.

Halt!

Ist es nun mal leider nicht. Nämlich dann nicht, wenn man aufgrund seiner sexuellen Orientierung Anfeindungen oder gar Verfolgung ausgesetzt ist. Wenn man gejagt wird, angezündet, gesteinigt oder gefoltert.

Trotz allen Fortschritts und aller vermeintlichen Toleranz ist Homophobie kein Problem, das irgendwie verschwinden wird. Homophobie ist ein Problem, das wächst.

Wir wollten mithelfen, die Grenzen des Widerstands einzureißen. Da kamen wir auf die Idee, heterosexuelle Prominente zu fragen, ob sie sich küssen wollen. Knutschen gegen Homophobie! 

Klingt einfach, aber es entwickelte sich zu einer Geschichte, die meine Kollegen David Baum, Josip Radovic, Johannes Dudziak, Oliver Fuchs und mich wochenlang auf Trab hielt. Manchmal konnten wir dann gar nicht glauben, was passierte (“Ey, Thomas D. will Moses Pelham knutschen!”, “H.E.R.B.E.R.T Grönemeyer macht mit!”), manchmal aber fielen wir auch vom Glauben ab. Vieles klappte schlicht aus Termingründen nicht. Es hagelte aber auch Absagen mit dem Zusatz, man wolle auf gar keinen Fall mit dieser Geschichte in Verbindung gebracht werden. Nur soviel: Gerade im Fußballbereich wurden Hörer geknallt, Politik – no way! – und andere Rapper als die coolen Thomas D. und Moses Pelham sowie die lässigen Jungs von Fettes Brot lachten uns aus für die Idee. Teils hat nur der Spruch gefehlt: Bin ich schwul, oder was?

Am Ende dieses Blog sage ich immer Danke, diesmal ist das einfach:

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Danke an Herbert Grönemeyer und August Diehl (das tolle Foto oben), Johannes Strate und Jakob Sinn von Revolverheld, Ken Duken und Kostja Ullmann, Moses Pelham und Thomas D., an Fettes Brot und die Beachvolleyball-Olympiasieger Johannes Reckermann und Julius Brink.

Danke – und Respekt!

Dominik Schütte

PS: Inzwischen, Stand Donnerstag 10:30 Uhr, haben 14000 Menschen die Facebook-Seite geliked. Die Mundpropaganda läuft. Unser Art-Director Axel Lauer (rechts) und ich haben schon mal mitgemacht. 

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Dieser Text wird nicht ausgewogen sein, nicht objektiv und auch nicht journalistisch. Ich bin Fan von Arcade Fire. Wenn meine Tochter schon sprechen könnte, würde sie das “The Suburbs”-Album mitsingen können, so oft haben wir es im Morgengrauen gehört, wenn ich mit ihr auf dem Arm durch die Wohnung tanzte. Mein Duschvorhang hat Dellen im Takt von “Keep the Car Running”, so oft schallte ihm der Song von “Neon Bible” entgegen. Und die Geste, das Debütalbum “Funeral” mit dem Wort “And” zu beginnen, fand ich so groß, dass ich als erstes Wort für den ersten Eintrag dieses Blogs ebenfalls “Und” wählte. Als sei irgendwas vorher gewesen, etwas geschehen, von dem niemand wissen darf.

Ich war also entzückt, entrückt und beglückt, als sich die virale Marketingkampagne, die vor Monaten begann, tatsächlich als Erscheinungsdatum von irgendwas bestätigte.

Am 9. September kam endlich ein Song, “Reflektor”, der mir durchaus gefällt (streiten kann man immer, vor allem über die Bongos, aber ich mag es, wenn Bands weitermachen und ihren Sound nicht verwalten).

Bald folgte ein Video mit ein bisschen Smartphone-Mitmach-Gedöns, und fertig war etwas irgendwie Neues. So sah das aus:

Paar Tage später dann das offizielle Video von Anton Corbijn (das es seltsamerweise überall zu sehen gibt, außer bei Youtube. Blöderweise kann ich hier aber nichts anderes direkt posten als Youtube. Schauen Sie also bitte beispielsweise hier.)

Höhepunkt war der unglaublich grandiose Kurz-Konzertfilm von Roman Coppola.

Ja, ist ja gut, Fangeschrei werden Sie sagen (ich habe sie gewarnt!). Jedenfalls: Bis hierhin war ich angesteckt, viral angefixt, todkrank mit Arcade Fire sozusagen, und konnte es nicht erwarten, dass die neue Platte kommt. Und wartete und wartete. Und wartete.

Viren sterben irgendwann, wenn sie nicht mehr gefüttert werden. Und so hat sich meine Vorfreude und Begeisterung ob der seltsamen Maskerade, wochenlanger Kampagne und  einer gewissen Künstlerkackehaftigkeit der Band in eine motzige Erwartungshaltung verwandelt: Jetzt müsst ihr liefern, Win und co!

Danke aber jetzt schon, dass all das Brimborium jetzt bald vorbei ist. Entscheidend ist auf der Platte:

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Und so lange Ihr auf Eurer nächsten Tour all die Spannung sich entladen lasst wie hier, sind wir eh alle: on Arcade Fire!

Mein Bürokollege und Bloggerkumpel David Baum und ich haben in der gedruckten GQ eine Interviewkolumne. Sie heißt “Herr der Lage” und erscheint jeden Monat. Hier kommen Legenden Ihres Fachs zu Wort. Bruno Ganz, Werner Herzog und Dieter Hildebrandt waren schon Herren der Lage. Grandmaster Flesh, Larry Hagman und James Last auch. Außerdem Dieter Meier, Harald Schmidt, Uli Wickert und viele mehr.

Vor Kurzem trafen David und ich für die Kolumne Howard Carpendale. Eigentlich ein ganz normaler Interviewtag: Sein neues Album erscheint bald, Journalisten gehen, Journalisten kommen, alles Routine. Noch dazu für jemanden wie Carpendale, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Er hat schon alles gesehen. Außer zwei Reporter, die mit einer Gitarre reinspazieren. 

Das Ergebnis seht Ihr hier:

Danke, Howard. Diesen Spaß mitzumachen, war schon sehr cool.

PS: Carpendales neues Album “Viel zu lang gewartet” erscheint am 25. Oktober. Auf seiner Website kann man bereits reinhören und findet die Daten der Tournee, die im März nächsten Jahres beginnt.

PSPS: Das Interview erscheint in der neuen Ausgabe von GQ am 13. November

Falls jemand Sie nicht kennen sollte: Sie sind Designchef des Technikherstellers Apple und haben ein neues Betriebssystem für das iPhone programmiert. Gestern habe ich wie Millionen andere Menschen das Update durchgeführt. Hat ewig gedauert. Hat total genervt. Jetzt funktioniert wieder alles. Bisschen quietschfarben, bisschen anders, alles kein Problem.

Aber es wurde rumgeschrien und getwittert, als würde die Welt untergehen. Gar, als würde ein Handy-Betriebssystem Leben verändern.

Doch die Welt, zumindest Deutschland, wird nicht an dunklen Mittwochabenden vor dem Computer verändert, sondern an Sonntagen wie dem kommenden. In der Wahlkabine.

Häh, fragen Sie sich vielleicht, wie hängt denn das jetzt zusammen?

Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen. Diese Angst äußert sich häufig in Erstarrung: Mein Telefon soll bitte ewig gleich funktionieren. In meine Nachbarschaft soll bloß niemand ziehen, der zu anders ist als ich. Schwule – heiraten? Iiiiieh!

Ach ja: Und Mutti muss bitte, bitte ewig regieren. 

Danke, Jonathan Ive, dass Sie – total unabsichtlich – einen Anfang gemacht haben mit diesem banalen Betriebssystem. Es sieht anders aus, es fühlt sich anders an, aber die Welt dreht sich weiter.

Wem also Angela Merkel vorkommt wie ein veraltetes Computerprogramm, der kann ruhig ein Update durchführen.

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Er ist ein fantastischer Schauspieler, ein begnadeter Entertainer und hält nun auch noch revolutionäre Reden. Vordergründig über das Fernsehen. Tatsächlich aber: über die Zukunft des Handels mit dem, was man gemeinhin “Content” nennt. Und mehr noch: Er watscht eine gesamte Industrie wach.

Mich persönlich dazu. War mal nötig, danke, Mr. Spacey.

Hier ist die Kurzversion mit der Kernbotschaft: Liefert einfach tolle, kreative Arbeit ab und lasst die Menschen selbst entscheiden.

Wer Zeit hat, sollte unbedingt die ganze Rede hören:

Spacey proklamiert das Ende eines Zeitalters. Des Zeitalters, in dem Industrien den Menschen etwas vorsetzen konnten nach dem Motto: Friss oder stirb. Wer glaubt, daran festhalten zu können, für den heißt es nämlich bald: stirb.

Es ist ja schon Folklore, über das Goldene Zeitalter des Fernsehens zu reden (so begann übrigens auch dieser Blog). Folklore zumindest für einen Großteil meines persönlichen Umfelds, weil praktisch jeder Breaking Bad, Mad Men, Homeland oder eben House of Cards von Kevin Spacey und David Fincher super findet und auch brav dafür bezahlt (manchmal auf verschlungenen Wegen, aber hey, Geld ist Geld).

Folkore aber, die immer noch nicht angekommen zu sein scheint bei den Verantwortlichen in vielen Fernsehsendern. “Network People”, wie sie Spacey nennt, unverhohlen abschätzig. Gerichtet ist die Rede also auch an jene Funktionäre, die uns mit “Forsthaus Falkenau” quälen und die Sopranos nachts um Drei in den Orkus jagten. Ich kenne ein paar dieser mutlosen Knilche, weil ich einige Monate während des Studiums fest davon überzeugt war, Fernsehen machen zu wollen. Wollte ich dann schnell nicht mehr.

Außerdem aber richtet sich diese Rede an jeden Einzelnen von uns. Jedenfalls an mich. Spacey schwärmt davon, immer besser werden zu wollen. Davon, nicht stehen zu bleiben. Von Talent, von Hunger, von Mentoren und also auch davon, sich im Alter gefälligst von nichts abhalten zu lassen. Es ist eine Rede, die einen wacher rüttelt als Joachim Gauck plus Horst Seehofer mal Merkel zum Quadrat.    

Jedenfalls: Wer sie noch nicht kennt, der gucke sie eventuell doch einfach mal an. Ich starte sie gleich zu vierten Mal. Wahrscheinlich entdecke ich noch drei Gags und werde vier weitere Ideen für mich rausziehen.

Falls Ihr also eine Weile nix von mir hört – ich werde gerade besser und darf mich davon gefälligst nicht abhalten lassen!

Nett von Dir, dass es nur noch exakt vier Wochen dauert, bis der Spuk vorbei ist. Dieser lähmende Wahlkampf. Es wird eine Befreiung sein. Ich habe die Schnauze voll, vier Wochen vor der Wahl. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem noch nicht mal die Parteienspots im Fernsehen laufen. Die Plakate reichen.

Ein paar Beispiele.

Star-Wars-Regisseur JJ Abrams kann die Suche nach dem Darsteller des Imperators einstellen. Episode VII: Wrath of the Lindner”:

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Oder dieses Beispiel. Liebe Politiker, bitte keine Gags mit Eurem Namen, vor allem, wenn es eigentlich PROST heißen müsste. Depp.

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Auch wäre es ratsam, Motive zu wählen, die zumindest im Ansatz dem Naturell der Person entsprechen. Zum Beispiel sollte sich dieser Bundeszyniker nicht als grüner Howie Carpendale zu inszenieren.

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Der folgenden These würde ich zwar nicht grundsätzlich widersprechen, aber ganz so druff? Uff.

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Zufällig kenne ich Gregor Gysi ein wenig und weiß, dass er es hasst, fotografiert zu werden. Mehr als nur durchs Bild huschen, hätte er aber schon können.

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Nicht verschweigen wollen wir in diesem demokratischen Blog die Republikaner. Hängt Euch einfach auf. Also die Plakate.

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Und Christian Ude? Ihm sind irgendwie die Proportionen abhanden gekommen. Oder findet er sich einfach nur riesig?

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Übrigens, bei aller Wut: Ich will keine mit Edding aufgemalten Hitlerbärtchen im Gesicht von CSU-Politikern mehr sehen. Ich will das nicht mal zeigen.

Und der Kanzlerinnenwahlverein? Als ich kürzlich den lustigen CDU-Wahlplakat-Generator des Titanic-Magazins entdeckte, erschrak ich, wie wenig der Duktus sich ändert, wenn kompletter Blödsinn zusammengemischt wird wie in folgendem (Titanic-generierten) Beispiel:

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Aber die tatsächlichen Plakate sind ja genauso gaga, oder soll das hier (es ist echt) etwa besser sein?

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Den größten Respekt habe ich vor den Heerscharen ehrenamtlicher Helfer, die diesen Müll monatelang plakatieren mussten. Wirklich: Respekt. Aber auch: Mitleid. Ihr seid, genau wie wir, eines würdevollen und spannenden Wahlkampfs beraubt worden.

Es wird Herbst 2013, und ich bin offiziell politikverdrossen. Das wird 2014 bestimmt wieder anders sein, rede ich mir ein. Vielleicht sogar schon am 23. des nächsten Monats. Also, lieber 22. September, Du weißt, eigentlich mag ich Dich gerne. Denn Du bist der Geburtstag meiner Mama. Geh trotzdem recht schnell vorbei, bitte. Danke.

Ich bin gerade Strohwitwer. Frau und Kind sind im Hohen Norden, und ich, ich habe Zeit, schlafe, telefoniere und gucke Filme. Reihenweise. Ich hole neun Monate Kino nach, so alt ist meine Tochter jetzt. Ich schaue Epen, Zombieschinken, Thriller, Gore-Horrorstreifen, alles. Hauptsache: Ich weiß nicht, wie der Film ausgeht. Besser noch: Ich weiß nicht mal, worum es überhaupt geht. In einen Film eintauchen, wie in eine fremde Stadt an einen sonnigen Nachmittag, keine Ahnung haben, was passieren wird. Herrlich.

Deshalb ein Plädoyer: Es gibt Dinge, die tut man nicht. Beispielsweise verrät man nicht, wie ein Film endet. Man verrät nicht, dass der Hauptcharakter mittendrin stirbt. Man verrät nicht, dass die Filmfrau, in die sich der Filmmann da gerade verliebt, Krebs hat / eigentlich ein Kerl ist / serienweise mordet. Und wenn man es doch vorhat, dann sagt oder schreibt man: SPOILER-ALARM! Und wenn der Geheimnisverrat beendet ist: SPOILER-ENDE!

So einfach ist das.

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Dieser neuen Errungenschaft im popkulturellen Umgang miteinander möchte ich heute danken. Und ich möchte den Spoiler-Alarm promoten. Er gehört gehegt und gepflegt, denn er hat mich vor manch schlimmen Wutanfällen bewahrt.

Jeder hat ja seine cholerischen Ecken. Mein Kumpel C. zum Beispiel wird zum Hulk, wenn man ihm versehentlich Wein über die Hose schüttet (Abend gelaufen), mein Ex-Kollege K. dreht hohl, wenn er nicht cc gesetzt wird (Arbeitstag vorbei) und meine Freundin N. treibt es in den Wahnsinn, wenn man in einer Bar aufs Handy guckt, und sei es nur ganz kurz (Rest des Abends allein verbringen).

Ich für meinen Teil raste aus, wenn man mir Plotwendungen verrät. 

Ich saß mal mit einigen Kollegen beim Mittagessen. Wir sprachen über “I Am Legend” und ob es sich lohne, für den Film ins Kino zu gehen. Will Smith spielt darin den letzten Mensch auf Erden und hat keine Gesellschaft mehr außer Zombies und seiner Schäferhündin Samantha. Ich war der Meinung, der Kinobesuch würde sich lohnen für mich (bisschen Epos, bisschen Zombieschinken, bisschen Thriller, passt). Solange, bis eine an sich wahnsinnig nette Moderedakteurin sagte, SPOILER-ALARM!, es sei halt schon echt schrecklich, dass mittendrin die Hündin stirbtSPOILER-ENDE!

Ich schrie “Nein!” und warf fast mein Tablett vom Tisch. “Wie kannst Du das verraten?” Es wurde kurz ruhig in der Kantine. Der Koch blickte auf. Irgendwo in der Nachbarschaft schrie ein Baby. Die Kollegin war verstört. Sie verstand das Problem nicht und verließ einigermaßen irritiert den Tatort. War ich im Recht? Verdammt, ja! 

Noch ein Beispiel: Vor Kurzem, meine Frau und ich hatten gerade die dritte Staffel “Downton Abbey” begonnen, sagte mein Bürokollege und Bloggerkumpel David Baum, dass er es ja schon katastrophal fände, wie plump sich SPOILER-ALARM! Matthew aus der Handlung habe schreiben lassen. Autounfall – pfff. SPOILER-ENDE! Ich war baff und konnte nicht glauben, dass er das gerade getan hatte. “Entschuldige mal, hat doch echt jeder mitgekriegt”, sagte er. “Das war ein Aufschrei in England”. Der jedoch nicht zu mir durchgedrungen war. Ich fantasierte den Rest des Tages, was ich David antun würde (Stichwort: Gore-Horrorstreifen).

Gegenüber meiner Frau aber hielt ich dicht. Zehn Folgen lang verriet ich nicht, was passieren würde. Ich verriet noch nicht mal, dass ich wusste, was passieren würde. Ich bin der Anti-Spoiler-Gott.

Warum aber werde ausgerechnet ich ständig gespoilert? Vielleicht provoziert man sein Schicksal in diesen cholerischen Ecken. Ich kenne nämlich niemanden, dem so oft Wein über den Schoss gekippt wird wie meinen Kumpel C. Auch ich vergaß ständig, K. cc zu setzen. Und für meine Freundin N. muss die rasante Verbreitung von Smartphones etwa so angenehm sein wie Waterboarding. Die Lösung ist wohl, wie so häufig im Leben, sich einfach locker zu machen.

Wie kam ich eigentlich auf das Thema? Ach ja, Sonntag beginnen die letzten Folgen von “Breaking Bad”. Ich werde den verlinkten Trailer übrigens nicht gucken. Und nur zur Warnung: Wer mir etwas verrät, den begrabe ich in der Wüste von Albuquerque. Lockermachen hin oder her.

Du bist toll. Weil man bei Dir im Gegensatz zu normalen Läden, also, hmh, man kann ja die Sachen … ich muss kurz überlegen, warum Du eigentlich toll bist. Ach, ja: Zum Beispiel kann man bei Dir noch (schamlose Werbeeinblendung) meinen Roman kaufen, in Buchhandlungen muss man ihn meist bestellen. Aber auch dann ist er über Nacht da, also irgendwie gar kein großer Nachteil. Und außerdem, äh, außerdem: nichts.

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Es ist eher so: Amazon, Du warst mal toll. Es war neu und aufregend, Platten und Bücher online zu kaufen. Dann kamen andere Artikel hinzu: Schuhe, Regenschirme, Sonnenschirme, Gartengerät, Küchengerät, Dosen, Hosen, Samen für Mimosen, alles. Man konnte die ganze Welt bei Dir bestellen. Inzwischen fühle ich mich aber nur noch faul und ausbeuterisch dabei.

Womit Du uns geködert hast, war der Rücksendeschein. Egal, was man bestellte, ob man es brauchte oder nicht, man konnte es ausprobieren, auspacken, anfassen, anschließen – und dann doch wieder zurückschicken. Ohne die peinliche Begegnung mit einem Menschen an einem Schalter, der meist berichtigte Einwände hatte wie: “Das ist kaputt.” – “Hmh.” – “Das nehmen wir nicht mehr.” – “Hmh.”

Doch die Zeiten des sorglosen Retournierens scheinen vorbei. Amazon beginnt offenbar, Konten von Kunden zu sperren, die zuviel zurückschicken. Aufgrund der “wiederholten Überschreitung der haushaltsüblichen Anzahl an Retouren.” Was “haushaltsüblich” bedeutet, lässt das Unternehmen offen. Ohne Angabe von Gründen droht also der Ausschluss, mit der feindseligen Ansage: “Eröffnen Sie kein neues Konto.”

Jetzt reicht’s.

Mein Austritt aus katholischen Kirche war die Folge einer Reihe von Ereignissen. Neben offenbar notorischen Kindesmissbrauchs und der Verschwendung meiner Steuergelder für Goldvertäfelungen römischer Kardinalszimmer, führte schließlich das Bekanntwerden von Antisemitismus innerhalb der Piusbruderschaft zur Trennung. Als klar war, dass Rom dagegen nichts unternehmen wird, ging ich zum Kreisverwaltungsreferat und trat aus.

Was für eine Befreiung.

Ähnlich läuft es nun mit Amazon. Ich nahm die Marktmacht in Kauf, die Buchhändler und Plattenläden in die Knie zwingt. Ich nahm Berichte über miese Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern in Kauf. Ich nahm in Kauf, dass Amazon seine paar Euro Steuern in Luxemburg bezahlt. Ich nahm in Kauf, dass mein DHL-Mann teils wirkte wie kurz vorm Nervenzusammenbruch, als er vor keuchend meiner Tür stand.

Ich hätte also längst aussteigen sollen. Ich hätte einen tollen Buchhändler finden müssen, der mir bei einem Espresso ein paar Tipps gibt. Ich sollte meine Sneakers wieder in einem Shop kaufen, den ein paar coole Jungs schmeißen. Ich sollte wieder in den alten Plattenladen an der Isar gehen. Ich sollte Menschen begegnen, wenn ich einkaufe.

Das mach ich jetzt, gleich heute Mittag.

Danke, Amazon, dass Du so fies bist.